Häufigste Vorstellungsursache in der Hausarztpraxis — Abwarten als Strategie, Sicherheitsnetze setzen, Überdiagnostik vermeiden.
Häufigkeit: Rückenschmerz ist mit ca. 20–25 % aller Konsultationen die häufigste Einzeldiagnose in der Hausarztpraxis. 90 % der akuten Fälle bessern sich innerhalb von 6 Wochen spontan.
Hausärztliche Kernstrategie: Nicht heilen, sondern navigieren. Rückenschmerz ist eine selbstlimitierende Erkrankung in der Mehrheit der Fälle — die hausärztliche Aufgabe besteht im Erkennen der seltenen behandlungsbedürftigen Ausnahmen, der Vermeidung von Überdiagnostik und der aktiven Kommunikation der Prognose.
„95 % aller akuten Rückenschmerzen sind keine Notfälle — aber 5 % sind es. Die Kunst liegt im sicheren Unterscheiden, nicht im Behandeln aller."
Aktives Abwarten mit Sicherheitsnetz ist bei fehlenden Red Flags evidenzbasiert und leitlinienkonform (DEGAM S3-Leitlinie Rückenschmerz 2023).
Bei jedem dieser Zeichen: sofortige Weiterversorgung, kein Abwarten.
| Red Flag | Verdachtsdiagnose | Sofortmaßnahme |
|---|---|---|
| Harn-/Stuhlinkontinenz neu + Rückenschmerz | Cauda-equina-Syndrom | Notfalleinweisung Neurochirurgie (sofort) |
| Reithosenanästhesie | Cauda-equina-Syndrom | Notfalleinweisung Neurochirurgie (sofort) |
| Nachtschweiß + Gewichtsverlust + >50 Jahre | Malignommetastase, Spondylodiszitis | MRT LWS + Labor (BSG, CRP, PSA, Eiweiß-EP) |
| Fieber >38,5°C + lokaler Klopfschmerz WS | Spondylodiszitis | MRT LWS dringend + Blutkultur |
| Trauma + osteoporotisches Risikoprofil | Wirbelkörperfraktur | Röntgen LWS, ggf. CT |
| Progredienter neurologischer Ausfall | Nervenwurzellasion, Myelopathie | MRT + neurol. Konsilium |
| Alter <20 oder >50 J., Erstmanifestation | Entzündlich (SpA), Malignität | Labor: BSG, CRP, HLA-B27, Bildgebung |
| Bekanntes Malignom in Anamnese | Ossäre Metastase | Szintigraphie oder PET-CT |
Bildgebung beim akuten unspezifischen Rückenschmerz ohne Red Flags: nicht indiziert. Röntgen und MRT haben in den ersten 4–6 Wochen keinen Einfluss auf Therapie oder Prognose — verschlechtern aber durch Zufallsbefunde häufig das Krankheitserleben.
| Situation | Diagnostik | Begründung |
|---|---|---|
| Akuter LWS-Schmerz, keine Red Flags, <6 Wo. | Keine Bildgebung | DEGAM-Empfehlung, kein Zusatznutzen |
| Red Flag vorhanden (s.o.) | MRT LWS | Sensitivster Nachweis struktureller Ursachen |
| Trauma, Frakturverdacht | Röntgen LWS a.p. + seitlich | Schnell verfügbar, ausreichend für Frakturausschluss |
| Chronisch >12 Wochen, therapierefraktär | MRT + fachärztliches Konsilium | Strukturelle Ursache neu bewerten |
| Labor bei Verdacht Spondylodiszitis/Malignität | BSG, CRP, BB, PSA, Eiweiß-EP | Screeningparameter für infektiös/neoplastisch |
Akuter unspez. LWS-Schmerz seit [X] Tagen. NRS [X]/10. Keine Red Flags. Lasègue bds. neg. PSR/ASR seitengleich. Kraft/Sensibilität o.B. Diagnose: M54.4 Lumbago. Aufklärung über selbstlimitierenden Verlauf (90 % Besserung <6 Wo.) und aktive Mobilisierung. NSAR [Präparat, Dosis, Dauer]. AU bis [Datum]. WV in 5–7 Tagen.
LWS-Schmerz mit radikulärer Ausstrahlung in [re/li] Bein, Dermatom [L4/L5/S1]. Kraft [X/5], Sensibilität vermindert im Dermatom [X]. [PSR/ASR] abgeschwächt. Keine Blasen-/Mastdarmstörung. Diagnose: M51.1. Therapie: NSAR + [ggf. Gabapentin/Metamizol]. MRT LWS beantragt. Neurolog. Konsilium geplant bei Progredienz.
Herr K., 47 J., Bürotätigkeit, stellt sich mit seit 3 Tagen bestehendem LWS-Schmerz (NRS 7/10) vor. Keine Ausstrahlung, keine neurologischen Ausfälle, Kontinenz normal, kein Fieber, kein Trauma. Einziger Wunsch: „Bitte schicken Sie mich zum MRT."
„Ich kann Ihnen verstehen, dass Sie wissen möchten, was los ist. Das MRT zeigt bei 9 von 10 Menschen Ihres Alters Veränderungen — aber die meisten davon erklären Ihren aktuellen Schmerz nicht. Was wir wissen: 90 % aller Rückenschmerzen verschwinden von allein in 6 Wochen, mit oder ohne MRT. Was wirklich hilft: Bewegung, nicht Schonung. Ich gebe Ihnen etwas gegen den Schmerz und einen Termin in 5 Tagen. Wenn sich bis dahin nichts verändert, organisieren wir das MRT."
„Dem Patienten die Prognose aktiv mitteilen ist wirkungsvoller als Abwarten — Unwissenheit über die selbstlimitierende Natur des Rückenschmerzes ist ein eigenständiger Chronifizierungsfaktor."
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