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Band 6: Multimorbidität & Rationalpharmazie Verfügbar

Review-Konsultationen — Polypharmazie — Deprescribing — 9 Review-Karten für den Praxisalltag

20 Kapitel · 5 Teile 9 Review-Karten STOPP/START · PRISCUS 2.0 Deprescribing-Logik Frailty-Assessment

Kernfrage dieses Bandes

Band 6 stellt nicht die klassische Frage: Was kann noch gegeben, intensiviert oder eskaliert werden? Er fragt:

📌 Leitfrage Band 6

„Was ist noch sinnvoll, was belastet, was schadet, was passt nicht mehr zum Patientenziel — und wie kann eine Änderung sicher umgesetzt werden?“

Deprescribing bedeutet nicht therapeutischen Nihilismus oder Sparmedizin — sondern aktive klinische Therapieentscheidung mit Begründung, Monitoring, Sicherheitsnetz und Rückfallplan.

PolypharmazieDeprescribingSTOPP/STARTPRISCUS 2.0Review-KonsultationFrailty

Fallvignette — das Kernproblem

📖 Micro-Case aus Kapitel 1

Eine 79-jährige Patientin mit Herzinsuffizienz, Typ-2-Diabetes, Vorhofflimmern, arterieller Hypertonie und leichter CKD kommt zur Routinekontrolle. Der Medikationsplan umfasst 11 Präparate — alle leitliniengerecht verordnet.

Sie klagt über zunehmende Erschöpfung, dreimal nächtliches Wasserlassen, Schwindel beim Aufstehen und das Gefühl, „von Tabletten und Terminen erdrückt zu werden“. Keine der Einzelleitlinien ist falsch — und trotzdem passt der Gesamtplan nicht mehr.

⭐ Praxis-Pearl aus diesem Fall

Wenn ein Patient fünf Diagnosen hat und jede leitliniengerecht behandelt wird, kann das trotzdem schlechte Medizin sein. Behandlungslast ist ein patientenrelevanter Outcome — nicht nur Laborwerte und Hospitalisierungen.

Fünf Leitideen

LeitideeKonsequenz für die Praxis
Multimorbidität ist kein AdditionsproblemSie ist ein Passungs-, Risiko- und Prozessproblem — erfordert Priorisierung, keine Auflistung
Eine PIM-Liste ist ein Prüf-Signal, kein AbsetzbefehlSTOPP muss immer mit START gekoppelt werden — Unterversorgung ist ebenso gefährlich
STOPP muss mit START gekoppelt seinUnterversorgung erkennen ist Pflicht — nicht nur Reduktion
Jede Medikationsänderung braucht MonitoringSicherheitsnetz und Dokumentation sind Pflicht, kein Bonus
Ziele des Patienten bestimmen, was sinnvoll istKrankheitsspezifische Algorithmen sind Inputs, nicht Outputs der Entscheidung

20 Kapitel in 5 Teilen

Teil I — GrundarchitekturKap. 1: Multimorbidität als Systemproblem — Kap. 2: Review-Konsultation als Format — Kap. 3: Medikationsplan als diagnostisches Dokument — Kap. 4: Frailty-Assessment
Teil II — Deprescribing-LogikKap. 5: Deprescribing als aktive Therapie — Kap. 6: Hochrisiko-Medikamente zuerst — Kap. 7: PIM-Werkzeuge (PRISCUS, STOPP/START, FORTA, Beers) — Kap. 8: START-Perspektive
Teil III — Klinische Review-AnlässeKap. 9: Sturz/Schwindel/Synkope — Kap. 10: Delir/Kognition — Kap. 11: Nierenfunktion & Dosisfallen — Kap. 12: Prävention & Time-to-benefit — Kap. 13: Diabetes/BD/Antikoag. bei Frailty — Kap. 14: Schmerz & Schlaf — Kap. 15: Psychopharmaka-Review
Teil IV — Versorgung & KommunikationKap. 16: Krankenhausentlassung (Hochrisikomoment) — Kap. 17: Gesprächsführung beim Deprescribing — Kap. 18: Monitoring, Sicherheitsnetz, Doku
Teil V — Schluss & Review-KartenKap. 19: Einführung Review-Karten — Kap. 20: Was bleibt? Schutz, Klarheit, Priorisierung — 9 strukturierte Review-Karten für den Konsultationsalltag

Die 9 Review-Karten — Praxiswerkzeuge

Die 9 Review-Karten sind eigenständige Denkstützen für den Praxisalltag — keine Kurzfassung der Kapitel, sondern anlassbezogene Checklisten.

Review-Karte 1Allg. Medikationsreview — Einstieg bei Polypharmazie
Review-Karte 2Sturz & Schwindel — Medikationsursachen
Review-Karte 3Kognition & Delir — anticholinerge Last
Review-Karte 4Nierenfunktion — Dosisanpassungen
Review-Karte 5Prävention bei Frailty — Time-to-benefit
Review-Karte 6Diabetes bei Frailty — HbA1c-Zielwert
Review-Karte 7Schmerz & Schlaf — Opioide und Sedativa
Review-Karte 8Psychopharmaka-Review — Antidepressiva, Neuroleptika
Review-Karte 9Krankenhausentlassung — Hochrisikomoment

Red Flags — Polypharmazie

🚨 Red Flag — Polypharmazie-Signale

Sofortiger Review-Bedarf wenn eines der folgenden Zeichen vorliegt:

  • ≥ 5 Dauermedikamente (Polypharmazie) — betrifft > 60 % der über 75-Jährigen
  • PIM-Verordnung (PRISCUS 2.0) bei Patient über 65 J. — Prävalenz bis 30 %
  • Neues Symptom (Schwindel, Sturz, Verwirrtheit) bei bekannter Polypharmazie
  • Krankenhausentlassung mit verändertem Medikationsplan
  • Patient äußert Wunsch, „weniger Tabletten“ zu nehmen
  • Adherenzproblem oder Unmöglichkeit der Einnahme
⚠️ Failure-Mode — vermeidbar

Multimorbidität wird als Grund gesehen, weniger zu tun — statt als Anlass für präzisere Priorisierung. Ergebnis: Undertreatment statt gezielter Versorgung. STOPP muss immer mit START gekoppelt werden.

Die Review-Konsultation — Kern des Bandes

⭐ Praxis-Pearl — Review-Konsultation

Die Review-Konsultation unterscheidet sich von der Routinekontrolle durch ihren expliziten Fokus: nicht „Sind die Werte in Ordnung?“, sondern: „Passt der Gesamtplan noch zu diesem Patienten — heute?“

Strukturierte Medikationsreviews in der Primärversorgung sind dann wirksam, wenn sie anlassbezogen, patientenzentriert und in den Praxisalltag eingebettet sind — nicht als jährliche Pflichtübung, sondern als klinische Reaktion auf Veränderung (NICE NG56 2016).

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