Review-Konsultationen — Polypharmazie — Deprescribing — 9 Review-Karten für den Praxisalltag
Band 6 stellt nicht die klassische Frage: Was kann noch gegeben, intensiviert oder eskaliert werden? Er fragt:
„Was ist noch sinnvoll, was belastet, was schadet, was passt nicht mehr zum Patientenziel — und wie kann eine Änderung sicher umgesetzt werden?“
Deprescribing bedeutet nicht therapeutischen Nihilismus oder Sparmedizin — sondern aktive klinische Therapieentscheidung mit Begründung, Monitoring, Sicherheitsnetz und Rückfallplan.
Eine 79-jährige Patientin mit Herzinsuffizienz, Typ-2-Diabetes, Vorhofflimmern, arterieller Hypertonie und leichter CKD kommt zur Routinekontrolle. Der Medikationsplan umfasst 11 Präparate — alle leitliniengerecht verordnet.
Sie klagt über zunehmende Erschöpfung, dreimal nächtliches Wasserlassen, Schwindel beim Aufstehen und das Gefühl, „von Tabletten und Terminen erdrückt zu werden“. Keine der Einzelleitlinien ist falsch — und trotzdem passt der Gesamtplan nicht mehr.
Wenn ein Patient fünf Diagnosen hat und jede leitliniengerecht behandelt wird, kann das trotzdem schlechte Medizin sein. Behandlungslast ist ein patientenrelevanter Outcome — nicht nur Laborwerte und Hospitalisierungen.
| Leitidee | Konsequenz für die Praxis |
|---|---|
| Multimorbidität ist kein Additionsproblem | Sie ist ein Passungs-, Risiko- und Prozessproblem — erfordert Priorisierung, keine Auflistung |
| Eine PIM-Liste ist ein Prüf-Signal, kein Absetzbefehl | STOPP muss immer mit START gekoppelt werden — Unterversorgung ist ebenso gefährlich |
| STOPP muss mit START gekoppelt sein | Unterversorgung erkennen ist Pflicht — nicht nur Reduktion |
| Jede Medikationsänderung braucht Monitoring | Sicherheitsnetz und Dokumentation sind Pflicht, kein Bonus |
| Ziele des Patienten bestimmen, was sinnvoll ist | Krankheitsspezifische Algorithmen sind Inputs, nicht Outputs der Entscheidung |
Die 9 Review-Karten sind eigenständige Denkstützen für den Praxisalltag — keine Kurzfassung der Kapitel, sondern anlassbezogene Checklisten.
Sofortiger Review-Bedarf wenn eines der folgenden Zeichen vorliegt:
Multimorbidität wird als Grund gesehen, weniger zu tun — statt als Anlass für präzisere Priorisierung. Ergebnis: Undertreatment statt gezielter Versorgung. STOPP muss immer mit START gekoppelt werden.
Die Review-Konsultation unterscheidet sich von der Routinekontrolle durch ihren expliziten Fokus: nicht „Sind die Werte in Ordnung?“, sondern: „Passt der Gesamtplan noch zu diesem Patienten — heute?“
Strukturierte Medikationsreviews in der Primärversorgung sind dann wirksam, wenn sie anlassbezogen, patientenzentriert und in den Praxisalltag eingebettet sind — nicht als jährliche Pflichtübung, sondern als klinische Reaktion auf Veränderung (NICE NG56 2016).